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Leseprobe:
Verstehende Zugänge zu Entwicklungssituationen in der Sonderpädagogik
Dissertation von Felix Boller


Kapitel 5 – Abschliessender Überblick

5.1 Absicht der Studie

Ziel der vorliegenden Arbeit war es zu evaluieren, was eine ethnographische Langzeitstudie für das Verstehen einer nicht gelingenden Sozialisation leisten kann. Sie soll der Frage nachgehen, ob schwer verständliche Sozialisationsgeschichten (d.h. Sozialisationsprozesse, die trotz grossem Aufwand an zusätzlichen und ergänzenden Massnahmen nicht gelingen wollen) verständlicher werden, wenn ihre Grundstruktur einer spezifischen sinnorientierten Analyse unterzogen wird.

In der jahrelangen Begleitung eines jungen Menschen, bei dem die Sozialisation nicht in der erwarteten Dimension gelingen wollte, obwohl immer wieder sonder- und sozialpädagogische Massnahmen diskutiert und realisiert worden sind, sind umfangreiche biographische Aufzeichnungen entstanden. Das vielschichtige Datenmaterial, das dieser Studie zu Grunde liegt, sowie dessen Strukturierung und Analyse hatten zum Ziel, die qualitative Ausprägung des Verhältnisses dieses Menschen zu sich und seiner Lebenswelt aufzudecken. Es war also nicht das Ziel dieser Arbeit zu erforschen, warum etwas geschieht, sondern es ging darum, die Regeln des Vollzugs aus der Perspektive eines jungen Menschen zu verstehen, ohne diese auf dem Hintergrund theoretischer Erklärungsansätze zu interpretieren.

Die Arbeit sollte über eine wissenschaftliche Gesamtbetrachtung Einblick in das Leben eines jungen Menschen geben und verstehende Zugänge zu dessen Erleben und Innern eröffnen. Zu diesem Zweck wurde eine Methode entwickelt, die, bezogen auch auf andere Lebensverläufe, konkrete Aussagen über die Entwicklungssituation und den Unterstützungsbedarf in der Praxis ermöglicht. So stellt die Studie eine Möglichkeit dar, lebensweltliche Zusammenhänge und Prozesse einer Entwicklung sowie gewisse Verhaltensmuster sichtbar und damit den Prozess einer nicht gelingenden Sozialisation besser verstehbar zu machen.

5.2 Aufbau der Studie

Von scheinbar konzeptlosen Lebensprotokollen zu sinngebenden Ecomaps

Um die eingangs gestellte Frage zu beantworten, beziehungsweise um die oben umschriebenen Anliegen anzugehen, wurde eine ethnographische Langzeitstudie erstellt. Im Verlaufe von mehr als zwanzig Jahren entstand auf diese Weise die dichte Beschreibung eines Lebensverlaufes in der Kombination von Innen- und Aussenperspektive. Es handelt sich dabei um die kontinuierliche und ungebrochene Beschreibung des Lebens eines heranwachsenden, in seiner Entwicklung beeinträchtigten Menschen, und stellt so die Chance dar, die Entwicklung eines Menschen in der wohl einmaligen Länge ihrer zeitlichen Dimension darzustellen und aufzubereiten.

Nach Abschluss dieser Aufzeichnungen wurde nach Möglichkeiten gesucht, wie dieses umfangreiche Datenmaterial aufbereitet werden kann, damit ein verstehender Zugang zu diesem jungen Menschen möglich wird. (Der "Fall’ selber interessierte in dieser Auswertung nicht mehr, sondern allein der Zugang zum fokussierten Individuum.) Dazu wurde der system-ökologische Ansatz herbeigezogen, indem das biographische Material einer Analyse der Lebenswelten und Mikrosysteme unterzogen wurde und die dabei entstandenen Resultate in der Form von Ecomaps aufbereitet wurden. Was am Anfang in der Form einer konzept- und "sinnlos" wirkenden Beschreibung eines Lebensverlaufes daherkommt, erscheint in den strukturierenden Ecomaps als klärende und sinngebende Aussagen über die beschriebene Sozialisation, die Wesentliches zu deren Verstehen beitragen können.

Ausgangslage: Tagebücher, Briefe, Protokolle, Reflexionen

Ausgangspunkt dieses Annäherungsprozesses sind die über zwanzig Jahre andauernden Aufzeichnungen des Lebens eines jungen Menschen in seiner ungewöhnlich schwierigen Entwicklung anhand von protokollierten Beobachtungen, Tagebüchern, Gesprächsprotokollen, Reflexionen und Briefen, die sowohl durch den betreffenden Menschen selber, wie auch durch dessen Lehrer und späteren Begleiter und Biographen festgehalten worden sind.

Da diese biographischen Aufzeichnungen über eine sehr grosse Zeitspanne entstanden sind und da die Lebensumstände des Forschungsobjektes und demzufolge auch die Quellen der Informationen sich während dieser Zeit immer wieder geändert haben, gibt ein kurzes Forschungstagebuch einen Überblick darüber, mit welchen Verfahren und auf welche Art diese Aufzeichnungen zustande gekommen sind.

Im Zentrum der unterschiedlichen biographischen Aufzeichnungen steht einerseits die subjektive Wahrnehmung des eigenen Lebens, so wie es die Betroffene selber erlebt hat: Es sind ausgesprochene oder schriftlich festgehaltene Wahrnehmungen, Reflexionen und Interpretationen zum Zeitpunkt des Erlebens, wie aber auch aus einer späteren, retrospektiven und re-interpretativen Sicht heraus. Hinzu kommen andererseits die Wahrnehmungen des Autors dieser Studie als Begleiter, seine Reflexionen zum Zeitpunkt des Geschehens selbst und in der Retrospektive, sowie seine Bemühungen, die Gedanken, das Handeln und Verhalten dieses jungen Menschen immer wieder festzuhalten. Diese intensive und über 20 Jahre andauernde Lebensbegleitung, die Kombination von Aussen- und Innenperspektive und die daraus resultierenden umfassenden biographischen Aufzeichnungen machen diese Studie in ihrer Art einzigartig.

Neben der Kombination von Innen- und Aussenperspektive steht als weiteres spezifisches Merkmal jeder dichten Beschreibung das direkte Involviert-Sein des "Beobachters" im Geschehen: So handelt es sich auch bei dieser Dokumentation nicht einfach um Notizen eines Aussenstehenden. Die biographischen Aufzeichnungen und Reflexionen sind vielmehr in der Interaktion mit dem betroffenen Menschen entstanden, und stellen dadurch ein dichtes Netz von gemeinsam festgehaltenen Beschreibungen, Interpretationen und Reflexionen über eine Lebensgeschichte dar. (Dieses direkte Involviert-Sein des Forschers, seine Subjektivität und Interdependenz werden u. a. in Kapitel 4 näher reflektiert.)

Aufbereitung des biographischen Materials und erste Ergebnisse

Das biographische Material verschaffte zunächst einmal einen ersten Zugang zum in die Forschung einbezogenen Menschen und seinem Leben. Es stellte aber zugleich auch die Grundlage dafür dar, die besondere Entwicklungsgeschichte in ihrer sinnhaften Prozesshaftigkeit verstehbar zu machen. Dazu wurde das Datenmaterial einer speziellen Aufbereitung unterzogen, welche den gesuchten verstehenden Zugang ermöglichen sollte. Dabei ging es darum, einen methodischen Zugang zu suchen, der erstens die biographischen Aufzeichnungen und damit den Lebensverlauf dieses jungen Menschen verständlich macht, und der zweitens Schlüsse und Erkenntnisse allgemeiner Art bezüglich solcher schwierigen und schwer verständlichen Biographien zulässt.

Sollen Systemmodelle dem Verstehen von bestimmten Zusammenhängen dienen, so setzt dies eine Strukturierung des Datenmaterials voraus, die ein Herausarbeiten von Abläufen, Mustern und Wiederholungen ermöglicht, so dass ein Bild von der Struktur und der Dynamik eines Systems entstehen kann. Die Suche nach strukturgebenden Bezugssystemen führte in der vorliegenden Studie zu den zwei folgenden Konzeptionen:

In einer Grobauswertung erfolgte eine erste Strukturierung des Datenmaterials. Es wurden die Lebenswelten analysiert, in denen sich das beschriebene Individuum während den verschiedenen Abschnitten seines Lebens entwickelt hat. Die Analyse der einzelnen Lebenswelten lieferten Informationen über ihre personelle Zusammensetzung und die physischen Gegebenheiten und gaben eine erste grobe Auskunft über die Funktion, die sie für das beschriebene Individuum hatten, beziehungsweise umgekehrt, welche Funktion dieses Individuum innerhalb der verschiedenen Lebenswelten ausübte. Zudem konnten aus diesen Analysen Informationen darüber gewonnen werden, wie sich die Vielfalt, die Ausprägung sowie die rein zahlenmässige Ausgestaltung der Lebenswelten entwickelte.

Nach diesen Lebensweltanalysen folgte ein weiterer Strukturierungsschritt, in dem die Mikrosysteme innerhalb dieser Lebenswelten einer Analyse – im Sinne einer Feinstrukturierung – unterzogen wurden. In dieser differenzierten qualitativen Analyse des Entwicklungsprozesses wurden Rollen, Tätigkeiten und Beziehungen herausgearbeitet, welche das identifizierte Individuum in seinen verschiedenen Lebenswelten eingenommen bzw. gelebt hat.

Die Analysen der Lebenswelten und Mikrosysteme dienten schlussendlich der Konstruktion von Ecomaps, die die Auswertung des Datenmaterials vervollständigten. Es handelt sich dabei um eine zu einer Gesamtschau verdichteten Zusammenstellung der gewonnenen Daten und Erkenntnisse. Ziel dieses aufbereitenden Verdichtungsprozesses war das Erkennen und Verstehen von lebensweltlichen Sinnzusammenhängen sowie das Aufzeigen von Verhaltensmustern und deren Entstehen und Dynamik. So wurden u. a. die Entwicklungspotenziale und Interdependenzen der einzelnen Lebenswelten, Mikrosystemen und zwischen-menschlichen Strukturen untersucht.

Reflexionen

Den Abschluss der Studie bilden Reflexionen einerseits über die Rolle des im Forschungsgeschehen direkt involvierten Forschers, über seine Subjektivität und Interdependenz zum Forschungsobjekt und andererseits über eine erste Evaluation der Anwendung und Tauglichkeit der gewählten und entwickelten Methoden und Verfahren in der professionellen Praxis.

Zusätzliche Leseprobe: Das Mikrosystem "Peergroup" (.PDF, 16kb)

Lebensweltanalyse 11. – 12. Lebensjahr (.PDF, 16kb)

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CI-Illustration: Mädcherporträt
"Ich fühle mich lebendig
begraben, eingesperrt in
meine Ängste, die ihr mir
anerzogen habt. Die einzige
Möglichkeit für mich ist,
dass ich mit ihnen leben
lerne, bis ich einmal kapiere,
dass die Welt da draussen
weniger gefährlich ist,
als ihr es gewesen seid. "


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