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Leseprobe:
"... defekt wegen Vernachlässigung" Protokolle einer Biographie
Vergriffen


22. November: Es ging dann aber nicht lange in der "Parwa". Noch vor dem Praktikumsschluss erhielt ich einen Telefonanruf von Frau Hausheer, der Krippen-Leiterin, Jacqueline sei am Mittwoch-Nachmittag und auch am Donnerstag nicht in der Krippe erschienen. Ich suchte sie telefonisch zu Hause und bei Nicole, es wurde aber nirgends abgenommen. Ich fuhr drauflos, sie zu suchen. Bei Jacqueline zu Hause öffnete niemand. Dann erkundigte ich mich im "Güetli’ nach Nicole. Sie arbeite erst am Nachmittag. Auf dem Weg zum Arbeitsort von Frau Müller kam ich an der "Chemischen Reinigung" vorbei, welche dieser 42-jährige Mann (Hanspeter Grubenmann, "Hampe") betreibt. Ich entdeckte durch das grosse Fenster Jacqueline im Laden, wie sie in einem Fauteuil lag, rauchte, die Beine auf dem Ladentisch ausstreckte, hinter dem Herr Grubenmann stand. Ich parkte und trat ein. Beide erschraken. Ich trat ziemlich forsch auf, war wütend, fragte nicht lange wie und was und warum und hiess Jacqueline, sofort in meinen Wagen zu steigen. Zuerst weigerte sich Jacqueline mitzukommen. Grubenmann fordert sie ebenfalls auf zu gehen, eine falsche Miene aufsetzend. Jacqueline kam dann mit, wütend auf mich, und sagte, sie gehe nicht mehr in die "Parwa", nicht mehr nach Hause, nicht mehr in die Schule, sie wolle in ein Heim. Wir fuhren zu mir nach Hause, es war neun Uhr, und tranken Ovi und Kaffee. (...)
Unterdessen war es elf Uhr geworden. Sie musste unbedingt ihr Zimmer für den Umzug fertig machen, damit sie das Wochenende mit einer Kollegin verbringen durfte. Wir fuhren also wieder nach Wülflingen und räumten ihr Zimmer. Wahllos und ohne Spreu vom Weizen zu trennen, schmiss sie alles, was noch herumlag, in Abfallsäcke: Kleider, Fotoalben, Schokolade, Fotos, Katzenfutter, Liebesbriefe, Andenken. Alles wurde weggeschmissen. Nach einer halben Stunde war alles im Eimer. (...)
Am Abend – ich kam soeben von Franzens, wo ich wegen den argen Prügeleien, die man immer wieder Roland verpasst, intervenieren musste – stand Jacqueline mit ihrem Vater vor meiner Haustüre. Wir sprachen etwa eine Stunde zusammen, und ich versuchte ihm zu zeigen, in welch verzwickter Lage Jacqueline stecke. Er schien ihren Zustand sehr gut zu verstehen, da er ja nicht gerade viel von Mutters Freund hält. Dann gingen sie ein Bankbüchlein eröffnen, auf das er jeden Monat 50 Franken zahlen will, und von dem nur Vater Wipf und Jacqueline abheben dürfen. Gegen sieben Uhr kam Jacqueline wieder zu mir, wir assen zusammen und sassen bis spät in die Nacht vor dem Cheminée. (...)

25. November: Jacqueline macht mir immer noch am meisten Sorgen. Diese ganze Woche war sie nur am Dienstag Morgen in der Schule. Sie hatte sich nie gemeldet und war auch nirgends auffindbar. Gestern Morgen hat sie um halb acht Uhr Monika telefoniert. Es gehe ihr schlecht; sie müsste am Morgen zum Arzt, aber sie wolle nicht gehen, da sie Angst habe, er entdecke bei ihr etwas, was nicht stimme. Monika redete ihr zu, sie solle gehen und sie wolle sie am Abend um sechs Uhr im "Widder" treffen. Monika ging sie bereits am Nachmittag suchen, fand sie aber nirgends, und zur verabredeten Zeit wartete Monika eine Stunde im "Widder". Jacqueline kam nicht. Nachher Telefon mit ihr, sie habe es vergessen, sie sei mit dem Vater in der Stadt gewesen. Beim Arzt sei sie auch gewesen, der habe gesagt, sie habe ausser einem Schnupfen nichts. Monika schärfte ihr ein, heute entweder in die Schule zu gehen oder mir zu telefonieren. (...)
Jacqueline ruft mich heute Morgen an. Wir verabreden, dass ich zu ihr fahre. Wir sprechen dann während fast zwei Stunden miteinander. Die Mutter ist auch anwesend, drückt sich jedoch vor dem Gespräch, sie habe zu tun. Jacqueline vermisst eine Beziehung, die konstant, zuverlässig und aber auch fordernd ist. Sie habe immer noch dieses Gefühl, sterben zu müssen. Sie will es überwinden, wieder normal werden, will auch wieder normal behandelt werden. Sie glaubt, das Gefühl des Gesund-Seins erreiche sie wieder, wenn ich sie dementsprechend behandle. Die stets gewährende Haltung verwahrlosender Erzieher, wie sie ihre Mutter an den Tag lege, sei auf die Dauer unerträglich. Wipfs liessen zwar nicht alles gewähren, verbieten, drohen und befehlen viel, seien jedoch nicht konsequent, alles sei nur Schein, keine Verlässlichkeit.
Wir sprechen lange über unsere Beziehung. Hier muss etwas Wesentliches geschehen. Das Vertrauen muss wieder hergestellt werden. Wenn sie sich mir entzieht, nicht mehr zu mir kommt, nicht in die Schule kommt, aber auch die Mutter nichts weiss von ihr, dann kann ich die Verantwortung für sie nicht mehr tragen.
Wir einigen uns auf Folgendes: Jacqueline kommt am Montag wieder in die Schule. Sie versucht, meinen – nicht unbedingt schulischen – Forderungen nachzukommen. Ich soll Verlässlichkeit verlangen und auch demonstrieren. Ich biete mich und meine Familie an, wenn Jacqueline es will. Sie kann bei uns (vorübergehend) wohnen, wenn sie es will. Sobald ich wieder das Gefühl habe, keinen Einfluss mehr ausüben zu können auf sie, wenn sie den minimalsten Abmachungen nicht mehr nachkommt, dann werde ich mit ihr aufs Jugendsekretariat, zu Herrn Hebeisen, gehen.
Jacqueline heute: Sie will fort von zu Hause, aber nicht zu ihrer Schwester. Die Schule scheisst sie total an. Sie möchte mit vielen anderen Jugendlichen zusammenleben, aber nicht in einem Heim. Am liebsten würde sie zu ihrem Bruder Michi ziehen, der lebe so lässig. Sie hat nun während der ersten Woche noch kein einziges Mal in der neuen Wohnung geschlafen. (...)

29. November: Am Samstag rief sie mich dreimal an, am Sonntag ebenfalls. Es gehe ihr nicht gut. Sie wollte am Samstag zu mir kommen. Sie rief wenige Minuten später wieder an, sie komme doch nicht. Am Sonntag sagte sie, sie komme dann am Montag in die Schule. Sie kam am Montag jedoch nicht, sie rief um halb neun Uhr an, sie sei so müde, aber sie komme um etwa halb zehn Uhr. Sie habe es ja so abgemacht mit mir. Wenige Minuten später rief ihre Mutter an: Sie halte es nicht mehr aus. Jacqueline habe es nun total ausgehängt. Sie habe gesagt, sie springe in den Tössrank, dann habe das Sterben endlich ein Ende. Ich raste zu Jacqueline, und traf neben Jacqueline eine hilflos rauchende Mutter an. Diese Woche arbeitet die Mutter an der Messe in Winterthur und kommt deshalb jeden Abend erst gegen Mitternacht nach Hause. Jacqueline hatte schon letzte Woche eine grosse Angst vor diesen Tagen geäussert. Allein mit Huber! Ich machte den klaren Vorschlag, Jacqueline soll ihr Ware packen und bis am Donnerstag oder Freitag zu mir kommen. Ich wolle mit ihr zu einem andern Arzt (Psychiater). Mutter zeigte sich froh, sagte, das sei gut, sie könne sich so besser beruhigen. Und auch Jacqueline war damit sofort einverstanden, packte ein paar Kleider ein, und wir fuhren nach Hause. Am Nachmittag begleitete ich Roland auf die Polizei und unterstützte ihn dort bei der Einvernahme wegen seiner Klauerei. Jacqueline spazierte in der Zwischenzeit mit Monika am Tössufer.
Heute Morgen konnte ich mit dem Psychiater Kälin in Winterthur einen Termin für morgen abmachen. Jacqueline wird gehen. Sie war heute noch recht aufgestellt, wollte zwar einmal das Wohnen bei mir abbrechen und zur Mutter zurück. Ich hielt sie aber davon ab. Sie nimmt im grossen Ganzen ihre "Anfälle" (mir ist schwindlig) recht humorvoll.

9. Dezember: Im Tagebuch von Jacqueline:
Kotz-Leben
Mich kotzt es an zu schreiben. Mich kotzt es an, dass ich meine, ich müsse sterben.
Mich kotzt einfach alles an und so ist es halt nun mal. Ich bin einmal sehr glücklich und einmal sehr traurig.
Früher dachte ich nie ans Sterben. Doch jetzt schon und zwar sehr oft.
Es tut mir leid, aber mich kotzt es an, weiter zu schreiben.


Erweiterte Leseprobe (.PDF, 32kb)




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CI-Illustration: Mädcherporträt
"Die Bilder kommen
unaufhaltsam, immer wieder,
bei Angstattacken, in Träumen,
wenn ich allein bin.
Es müssen Eindrücke sein,
die sich tief in meine Erinnerung
hinein gebohrt haben."


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